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Berlin – Impressionen einer Reise

 

von Gerd Pechstein


(Durch Anklicken sind Fotos zu vergrößern)

 

Endlich – der Tag der Abreise ist gekommen. Ein Novum – seit über dreißig Jahren wollten wir uns der Deutschen Bahn anvertrauen, das Auto am Bahnhof einsam stehen lassen.

Heute ist es soweit. Die Fahrkarten mit Mühe und Ausdauer im Internet gebucht; trotzdem beschlich uns ein Gefühl des Unbehagens, denn die Reise begann bereits mit Schienenersatzverkehr (SEV).

Da wir uns rechtzeitig eingefunden hatten, warteten wir auf den Bus. Kurz vor der Abfahrtszeit entschlossen wir uns einen Busfahrer anzusprechen, der an einen Bus mit Münchener Kennzeichen unweit der Haltestelle für den SEV stand. Zu unserer Überraschung stellte er sich als Fahrer unseres „SEV–Bus“ vor. Weshalb er die Haltestelle des SEV ignorierte, ist sein Geheimnis. Er selbst kein Münchener, der Bus ein Testfahrzeug. Zügig fuhren wir mit dem „SEV-Express“ nach Marlishausen; der Anschluss klappte und auch in Erfurt fanden wir schnell unsere reservierten Plätze im einige Minuten verspätet einfahrenden IC 2355 von Frankfurt/Main kommend.

Wir stellten schnell fest, dass es sich nicht um einen Zug der neueren Generation handelte, denn es blieb nicht aus, mit den im Abteil sitzenden Mitreisenden beim Verstauen des Gepäckes und Erreichen unserer Fensterplätze in Berührung zu kommen. Nach mehrfachem Ausdruck des gegenseitigen Bedauerns dieser Unannehmlichkeiten sowie dem Ordnen der Beine zum Finden einer guten Sitz- position kehrte vor Weimar wieder Ruhe im Abteil ein.

Die Informationen des Zugpersonals hörte man, verstand diese aber kaum. Diese schienen jedoch teilweise wichtig, denn bald erfuhren wir, dass der Zug eine Umleitung fahren wird, sodass ab Bitterfeld mit 20 Minuten Verspätung zu rechnen ist. Uns kümmerte dies nicht, denn unser Ziel hieß Hauptbahnhof Berlin und dort gab es in kurzem Rhythmus fahrende S-Bahnen.

Zwei Damen im Abteil wurden unruhig; insgeheim verabschiedeten sie sich schein- bar von den Anschlusszügen, jedoch ohne erkennbaren Ärger. Als regelmäßige DB-Benutzer eine Routineangelegenheit, Herausforderung neue Situationen zu meistern und doch zum Ziel zu kommen. Eine Dame telefonierte mit dem Handy, die Tochter erhielt neue Hinweise zum Abholen. Während der Fahrt wurden mehrere Handygespräche geführt, sodass wir eine doch recht breite Palette Auskünfte zum persönlichen Umfeld der Mitreisenden erhielten. Dies hat man im Auto nicht.

Die erste Herausforderung in Berlin bedeutete für uns das Lösen des „BerlinWelcome-Tickets“, dass uns freie Fahrt mit der BVG und Eintrittser- mäßigungen versprach. Nach zwei Versu- chen hatten wir die Hürde am Automat genommen und begaben uns auf die Suche unserer S-Bahn zum Prager Platz. Der moderne Hauptbahnhof, mehr ein Einkaufscenter, ließ die hektisch uns passierenden Menschen kaum wahrnehmen, denn unser Blick fiel auf das Bundeskanzleramt, die Residenz unserer „Bundesmutti“. Der weitläufige Platz vor dem Bahnhof ließ alles groß erscheinen, doch Baustellen dominierten nicht nur hier die Umgebung. Später stellten wir fest, dass die Berliner und ihre Gäste diese Situation mit Gleichmut und wie die Kanzlerin meist zu sagen pflegt, als „alternativlos“ hinnehmen. Mit diesem Ausdruck schaltet man jeglichen Widerspruch aus. Wie einfach manches sein kann. Nicht nur in der Politik.

Zum Glück lag die U-Bahn-Haltestelle unweit unseres "Ramadan Plaza" - Hotels, das sich in Nähe des Prager Platzes befand. Der Platz, ein kleines Stück grüne Oase inmitten großstädtischer Bürgerhäuser, mit spielenden Kindern in einem Rondell, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen mit umliegenden Rasen befand. Eindrucksvoll die herrlichen Platanen, die – wie wir bald feststellen sollten – viele Straßen und Wege säumten und den Hauptstädtern an solchen heißen Tagen wie heute Schatten spendeten.

Zunächst meldeten wir unsere Ankunft bei Piroska, die am morgigen Tag unsere Reiseführerin sein wollte.

Nach einer erfrischenden Dusche führte unser erster Weg zum nahe gelegenen Kurfürstendamm, das jahrzehntelang nicht erreichbare Ziel vieler Ostdeutscher. Erste Station - die Kaiser-Wilhelm-Ge- dächtniskirche, die derzeit nicht zu sehen ist – sie ist „verpackt“. Nicht nur hier wird gebaut, sondern die gesamte Umgebung wird vom Baugeschehen bestimmt.

„Gestört“ wurde diese Idylle nur vom Zugriff der Polizei, die gerade einem frisch ertappten Hütchenspieler, so erschien es uns, in Handschellen legte und dessen Kumpane befragten. Diese schienen „auf nicht verstehen“ zu setzen.

Wir wandten uns ab und gingen in die Ausstellung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die sehr eindrucksvoll über deren Geschichte informierte. Da- nach eine kurze Andacht in der neuen Kirche, wobei unsere Blicke zu der außergewöhnlichen Christusfigur schweiften.

Abrupter als das Eintauchen in die Menschenströme der Berliner Einkaufsmeile, konnte der Abschied aus der Kirche nicht sein.

Viele Passanten schauten sich die Auslagen in den Schaufenstern an, betrachteten das Angebot in den Kaufhäusern, aber nur wenige Einkaufstüten kündeten vom erfolgreichen Einkauf. Wie auch, sind doch die Kaufhäuser und Boutiquen mehr auf das Portemonnaie der von einer Partei vereinnahmten Leistungsträger der Gesellschaft und der Besserverdienenden, wozu auch unsere Volksvertreter gehören, eingestellt. Wobei man geteilter Meinung zu dem Begriff „Leistungsträger“ sein kann, wenn man z. B. an die Manager und Banker denkt, die für die derzeitige Finanzkrise verantwortlich sind. In Pensionskassen ange- legte Ersparnisse der Arbeitnehmer verloren rapide an Wert, doch die Verluste aus  ihrer Zockerei und andere Fehlleistungen sowie ihren Wohlstand ließ  man sich ungeniert vom Steuerzahler bezahlen. Die Neoliberalen werden schon wissen, weshalb „normale“ Arbeitnehmer wie Rettungssanitäter, Verkäuferinnen, Inge- nieure und andere für das tägliche Funktionieren der Gesellschaft wichtige Fachkräfte  keine Leistungsträger in ihrem  Sinne sind. Ich verstehe nicht, weshalb der Begriff „Leistungsträger“ nach Höhe des Einkommens bzw. des Vermögens sich definieren soll. In meinen Augen sind „Leistungsträger“ diejenigen, die gesellschaftsnützliche Arbeit als Arbeitnehmer, Selbständige, Künstler, Unter- nehmer u. a.  leisten. Aber auch die mit ehrenamlichem Engagement, also nach dem Beitrag den ein Bürger für das Funktionieren eines Staates, einer Gesellschaft leistet. Hier ließe sich trefflich grenzenlos streiten und moralisieren.

Doch lassen wir uns nicht den interessanten Rückblick auf unseren Bummel verleiden, denn vieles gab es zu sehen und zu bestaunen. Bald standen wir vor dem Theater am Kurfürstendamm, wo wir am nächsten Tag die vorerst letzte Vorstellung des Stückes „Pension Schöller“ sehen werden. Nebenan schleppte sich der Ausverkauf in der Lagerfeld-Boutique so hin; nur wenige potentielle Käufer folgten der 50%-Rabatt-Ankündigung in das Geschäft.

Ein anstrengender Tag ging für uns zu Ende. Vieles am Körper meldete sich mit Schmerzen wegen der ungewöhnlichen Belastung und des ungewohnten Pflasters. Da ein warmer, hochsommerlicher Abend bevorstand, folgten wir der Einladung des netten Kellners der Pizzaria „San Marino“ am Prager Platz, bestellten ein „König-Ludwig-Bier“ und aßen eine leckere Pizza bzw. Pasta.

Der Platz war ideal, konnte man doch dort die Besucher des Einkaufs- und Fitnesscenters beobachten. Ein älterer Herr nahm am Nachbartisch platz, bestellte ein Pilsner und eine Pasta mit Spaghettii. Es kam zu einem interessanten Disput zwischen dem Kellner und dem Gast. Letzterer wünschte sich die Spaghetti geschnitten, damit diese besser zu essen sind. Der Kellner höchst erstaunt, schaute ungläubig, schien in seiner italienischen Ehre gekränkt, denn ein solcher Wunsch war einfach nicht zu erfüllen.

Spaghetti muss man mit Löffel und Gabel essen, d. h. mit der Gabel rollen. Der Herr blieb bei seinem Wunsch und der Kellner ging kopfschüttelnd in die Küche. Schon auf dem Weg verkündete er seinen Kollegen dieses seltsame Ansinnen des Gastes. Als er die bestellte Portion dem Gast übergab, teilte er mit, dass der Koch wegen seiner Berufsehre Spaghetti nicht zerkleinern kann. Spaghetti werden von einem Italiener nicht geschnitten. Man sah dem Gast seinen Ärger und den Heißhunger an, wobei Letzterer ihn veranlasste, sich dem Schicksal hinzugeben. Er begann den Kampf mit den Spaghetti.

Wir haben noch mehrfach die Pizzaria besucht und der Kellner erzählte, dass vor uns ein richtiger Italiener mit einem über 700-jährigen Stammbaum steht. Ausgangspunkt war ein Disput mit Gästen über die Trinktemperatur eines „Grappa“. Er empörte sich darüber, dass der „Grappa“ auch kalt serviert wird. Wer dies macht, ist kein Italiener, war sein abschließendes Credo. Wir stellten aus unserer Beobachtersituation fest: Sehr temperamentvoll und ein sypathischer Zeitgenosse.

Nach einem sehr angenehmen und reichhaltigen Frühstück am nächsten Tag erwarteten wir unsere Freundin Piroska, die sich vorgenommen hatte, uns einige historische und moderne Highligts der Stadt zu zeigen. Als Neu- berlinerin steuerte sie uns mit ihrem BMW geschickt und sicher durch das Zentrum, an den Sehenswürdigkeiten haltend, die jeder Berlin-Besucher einmal gesehen haben muss. Das Wetter zeigte sich als perfekter Partner.

Zunächst besichtigten wir das Sony-Center mit seiner beinduckenden modernen Architektur. Imposant die Kuppel aus Stahl und Glas, die wie ein Trichter das Licht in die Passagen strömen ließ.

Tiergarten mit Siegessäule, Brandenburger Tor, Reichstag, Museumsinsel und Dom, so lauteten die nächsten Stationen. Natürlich blieb das Auto stehen und wir erkundeten diese Orte im Touristenschritt. Immer wieder betrachtet man mit Hoch- achtung die historischen Bauten, aber auch die Fortschritte beim Wiederaufbau. Die Menschenschlangen am Reichstag und auch am Pergamon-Museum zeigten uns unmißverständlich, dass hier die erforderliche Zeit fehlte, um uns einzureihen. Wieder konnten wir den Volksvertretern nicht „aufs Dach“ steigen.

Wir nahmen Piroskas Vorschlag an, noch zwei nicht im Mittelpunkt der Berlinbesucher stehende Gebäude anzusehen – das alte Postfuhramt und die Synagoge. Mit Wehmut betrachtete ich als Philatelist das zweckentfremdete alte Postfuhramt; für mich ein Synonym der Abkehr von den alten Traditionen. Früher fand man in jedem Ort eine Post mit den makanten gelblichen Klinker. Heute sind mit dem Hinweis auf die Anforderungen der Globalisierung viele liebgewordene Strukturen in den Kommunen zerstört. Schade.

Ein Bummel durch den Hackeschen Hof mit seinem eigenen Flair beendete unser Besichtigungsprogramm.

Die Zeit ließ nicht mehr zu, hatte doch Piroska noch ein schmackhaftes Essen vorbereitet. Besonders schmackhaft, da uns unbekannt, die Avocado-Vorsuppe, die dem Gaumen schmeichelte.

Endlich blieb uns auch ein wenig Zeit um Familiäres auszutauschen und sich an alte Zeiten vor über fünfzig Jahren zu erinnern. Aber auch sich daran zu erfreuen, dass die Kinder und Enkel eine gute Entwicklung nehmen.

Viel zu schnell ging die Zeit dahin. Wir mussten flugs ins Hotel, um uns für den Theaterbesuch vorzubereiten. Wer hätte vor 25 Jahren gedacht, dass man den Besuch des Theaters am Kurfürstendamm einmal mit einplanen kann?

Die Anfahrt klappte; ein kleiner Regenschauer hatte sich gerade verzogen und so kamen wir rechtzeitig trockenen Fußes, wie man so sagt, am Theater an.

Der rote Teppich war schon ausgelegt, ob für uns - sei dahingestellt, aber der Drehorgelspieler ließ es sich nicht nehmen auch uns Thüringer seine Reverenz zu erweisen. Seinen Hut ziehend und eine tiefe Verbeugung, wie es vor 100 Jahren Sitte war, uns erweisend, schritten wir auf dem roten Teppich an ihm, leicht zum Gruß nickend, vorbei ins Theater. Die Beachtung durch die anderen Besucher hielt sich in Grenzen. Sehr interessant die Aushänge im Foyer, eine Zeitreise durch die Geschichte des Theaters.

Es sollte die vorererst letzte Vorstellung des Lustspiel-Klassikers „Pension Schöller“ von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs, deren Stück erstmals 1890 aufgeführt und sieben Mal verfilmt wurde, werden. Unvergeßlich für mich der Film mit Theo Lingen, aber Winfried Glatzeder und Achim Wolff spielten supertoll, wie auch das ganze Team überzeugte. Résumé: „Eine tonne Neistung und eine Nachsanve nach dem anderen.“ Begeisterte Zuschauer dankten es. Sehr angenehm das Theater, wo man sich fast wie in seinem Wohnzimmer fühlt. Den Abend beschlossen wir in unserer Pizzeria bei einem Glas Wein.

Der nächste Tag führte uns in die „Gärten der Welt“ nach Marzahn. Verkehrsverbindungen vorzüglich, zumal man sich inzwischen auskannte. Leider gab es an der Kasse einen Disput, da die „BerlinWelcomeCard“ nicht anerkannt wurde. Hinter dem „Tresen“ saß eine typische Berliner Bürokratin, die sich nicht zu schade war, uns folgenden Vorschlag zu unterbreiten: Nach Kauf der Tickets für den Park händigt sie uns eine Broschüre aus, die zu der „BerlinWelcomeCard“ eigentlich gehört. Dann könnten wir die 50%-Ermäßigung für andere Eintrittstickets erhalten. Geschäftstüchtig zwar, auch realitätsfremd vielleicht -paradoxer ging es nicht und ich weiß jetzt, wo die Quelle vieler Beamtenwitze ist. Auch unser Einwand, dass der Automat, der uns die „BerlinWelcomeCard“ aushändigte, keine Broschüre ausgab, ließ sie nicht gelten.

Wäre ja auch eine Überraschung gewesen, wenn in Berlin etwas besser laufen würde, wie vom Jahrhundertprojekt Flughafenbau gewöhnt.

Wir ließen uns die Laune nicht verderben und genossen den wunderschönen Tag in einem angenehmen, gartenarchitektonisch abwechslungsreich gestalteten Park. Zuerst empfingen uns Wasserspiele, wo die Sonnenstrahlen einen kleinen Regenbogen bildeten, sprudelnde „Quellen“, eingesäumt von Gräsern, Bambus und Schilf. Ein in voller Blüte stehender Wasserdost zog mit seinem Geruch unendlich viele Insekten, vor allem Hummeln, an. Das Summen der Hummeln, Gezwitscher der Vögel und das Sprudeln des Wassers ließ uns die Natur genießen und den Empfang vergessen.

Der Wasserdost dominierte auch neben der Buchshecke den „Formalen Garten“, der als Nächstes unsere Blicke auf sich zog. Nach einer kurzen Pause auf einer schattigen Bank folgten wir dem Schild zum „Balinesischen Garten“. Er spiegelt ein wenig die indonesische Gartenkultur wider, aber auch „das Streben der Balinesen nach Harmonie in allen Lebensbereichen“, wie es auf dem Hinweisschild steht.

Es empfingen uns fremd anmutende Figuren, deren Sinn wir nicht erschließen konnten. Anders, als wir im großen Gewächshaus, in feuchtwarmer Athmosphäre von einer Welt der exotischen Pflanzen, mit Orchideen, Blatt- und Rankpflanzen sowie wieder farbigen Bauten empfangen wurden. Beim Verlassen empfanden wir die vorher heißen Außentemperaturen nun fast als angenehm.

Der „Koreanische Garten“ war unser nächstes Ziel. Dieser ist auch Ausdruck des Buddhismus, der das Leben im Land prägt. Nicht Bepflanzungen sind hier im Vor- dergrund, sondern Baulichkeiten wie Mauern, Höfe, Gebäude, eine Symphonie von Holz und Stein. Diese Baulichkeiten sind jedoch umgeben von einer gestalteten „naturnahen Flusslandschaft“, die sehr eindrucksvoll für den Besucher ist.

Die Geisterfiguren verabschieden uns, nicht ohne das auch wir vor dem „Sot da“ unsere Wünsche für Gesundheit und sorgloses Leben hinterlassen haben. Insgesamt ist festzustellen, dass die  Beschilderung und Erklärung der Garten- konzepte sehr gut für die Besucher ist. 

 

Zum "Christlichen Garten" führte uns nun der Weg. Zunächst konnten wir uns nicht vorstellen, was uns im „Christlichen Garten“ erwartet, aber beim näheren Betrachten stellte es sich uns so dar, dass sich ein Künstler des Themas angenommen hat. Das Ergebnis ist eine sehenswerte Komposition von Kunst, Architektur und Gartengestaltung.
Der Übergang zum „Chinesischen Garten“ ist nahtlos. Man tritt ein in eine großflächige Landschaft mit Gewässer und natürlich darf ein Teehaus nicht fehlen. Der Garten fordert den Betrachter heraus. Dieser erhält aus verschiedenen Blickwinkeln immer neue Eindrücke, wird verzaubert von abwechslungreichen Gestaltungen – See, Fels, Laubengänge, Baulichkeiten. Im See spiegelten sich die weißen Wolken, die Enten zogen schnatternd und Futter suchend durch die noch blühenden roten und weißen Seerosenfelder.

Nach einer kurzen Rast und einen Rundgang am Rosen- und Staudengarten nah- men wir den Weg zum „Japanischen Garten“. Mehrmals begegneten uns Mütter mit Kleinkindern, die im Park Ruhe und Entspannung suchten.

Da Marzahn eine Betonstadt ist, können hier die Kinder Natur pur erleben. Auf dem Wege zu unserem letzten Ziel sahen wir auf einem Hochhaus in der Ferne „Kunst am Bau“. Auf einem Hoch- haus war man eine überdimensionale Schaukel montiert.

Der „Japanische Garten“ ist laut Schild ein Garten, der „die ganze Fülle und Schönheit der Natur einfängt – einen Ort der Stille und des Schauens.“ Es empfing uns ein mit Büschen bestandener Weg, der auf eine leichte Erhebung führte. Von hier blickte man auf gestaltete Kiesflächen, in denen Felsbrocken eingearbeitet waren. Folgt man dem Weg, der aus runden Steinen bestand, lief man an einem leise plätschernden Bach vorbei. Unverhofft stand man dann an dem Gebäude, das mit dem von oben sichtbaren Kiesbeet umgeben war.

Wir verließen den Garten, die Zeit ließ uns dem Ausgang zustreben. Noch einen letzten Blick auf die Parkanlagen und schon erreichten wir die Bushaltestelle.

Mit Bus, S- und U-Bahn strebten wir dem nächsten Ziel entgegen, das Charlottenbur- ger Schloss. Jede Bahnfahrt ist ein Erlebnis, ist man doch Bestandteil einer zu transportie- renden „Masse“. Eine Mischung von Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Kulturen. Plötzlich erhielt ich seitlich einen Stoß – ein junger Mann ließ sich mit seinen nicht geringem Körpergewicht in die Lücke auf der Sitzbank „fallen“. Zuerst mit seiner Freun- din nebenan knutschend, nach und nach sich weiteren Platz verschaffend; dabei einen kleinen Hund liebevoll auf dem Schoß haltend. Dieser, vielleicht ein Terrier, sehr brav, rieb seine kalte, nasse Schnauze an meinem Arm – Annäherungsversuche der besonderen Art. Der Geruch des Hündchens ließ zwar manchen geruchssensiblen Fahrgast die Nase rümpfen, aber dem Tierchen traf keine Schuld.

Die ganze Art des Auftretens des jungen Mannes legte ich in die Schublade „Benehmen ist Gücksache“; anscheinend hatte dieser jedoch wenig Glück in seinem bisherigen Leben.

Wir wählten die Ausstiegstelle in Charlottenburg so, dass wir durch den Park zum Schloss wandern konnten. Leider hatte der Plan einen Fehler, denn eine Gast- stätte oder Cafè fanden wir nicht, um unseren Durst zu stillen. Eine kleine Flasche Wasser im Rucksack als eiserne Reserve musste jetzt unser Durstlöscher sein.

Unser Weg abwechslungsreich; es ging durch dicht bewachsenen, von Was- serarmen durchzogenen Wald. Unverhofft sah man ein stattliches Gebäude auf ei- ner Lichtung – das Schloss Belvedere. Dem Auge boten sich wechselde Ansichten - die hinter einer Wiese befindliche kleine Brücke, hinter der wir das Schloss ent- deckten. Auch Jogger, Radfahrer und meditierende Spaziergänger bevölkerten die Wege.

Die Rückseite des Schlosses erschien an dem schönen Sommertag monumental, zumal ein gepflegter Park mit einer bunten Sommerblumenrabatte das Bild kom- plettierte. Auch an die süchtigen Raucher dachten die Gärtner und integrierten zahlreiche Tabakpflanzen in die Rabatten.

Gegenüber dieser Anlage befand sich ein kleiner See, der an einer Plattform mit Treppe zum Wasser endete. Wir hatten den Eindruck, dass die Studenten hier beste Bedingungen zum Studium vorfinden, denn sie bevölkerten mit ihren Büchern die Treppe und die angrenzenden Grünflächen. Vom Geschnatter der Enten und der Schwanenfamilie, die von einer jungen Familie gefüttert wurden, ließen sie sich nicht stören.

Es herrschte eine beschauliche Athmosphäre, jeder hing seinen Gedanken nach, wollte sich erholen und den wunderschönen Spätsom- mertag genießen. Ältere, wie wir, sahen dem bunten Treiben zu, erfreuten sich an dem Lachen der Kinder, wollten den herrlichen Sommertag genießen. Spatzen suchten Brotkrumen, die vom Füttern der Schwäne übrig blieben. Leider reichte die Zeit nicht, um das prachtvolle Schloss zu besichtigen. Es war Zeit, die Heimreise anzutreten.

Vor dem abendlichen obligatorischen Gang zur Pizzeria wollten wir noch einen Rundgang unternehmen. Und diese Idee sollte uns zur „Kunst an der Bank“ führen. Ob wir die Aussage des Kunstwerkes richtig verstanden haben, will ich be- zweifeln, aber es beeindruckte uns sehr. Als Kunstbanause wage ich trotzdem, mein Empfinden gegenwartsbezogen hier wieder zu geben.

Zuerst sah man – ein überdimensionales zerknit- tertes Paket aus Edelstahl. Der Name der Skulptur „Cerberus“. Ich sehe darin sinnbildlich den Zustand der Banken in und nach der Finanzkrise, wo das Paket (=Bank) darauf wartet, dass der ursprüng- liche Zustand wieder hergestellt wird. Auf die Finanzkrise bezogen, dass der Steuerzahler die Bank mit den Geldern der Steuerzahler vollpumpt und die Spekulationsverluste ausgleicht.

Die andere Skulptur nennt sich „Karriere“ und soll eine Satire sein. Meines Erachtens stellt das Kunstwerk jedoch die konkrete Situation in der Arbeitswelt dar. Rücksichtslosigkeit ist in vielen Positionen Voraussetzung, um zu bestehen und den Arbeitsplatz zu behalten. Man könnte die Skulptur auch „Kampf um einen Arbeitsplatz“ nennen und der Getretene rutscht ab in das sogenannte "Prekariat". 

Das Problem, was ich nicht lösen konnte, ist, was sich in dem Aktenkoffer befindet – Schwarzgeld, Schmiergeld, Gelder für Lobbyisten zur Beeinflussung der Gesetzgebung, Sponsoringmittel für Parteitage oder einfach nur Akten, die die Zusagen der Politik über Steuergelder zum Ausgleich der Spekulationsverluste verbriefen?

Es ist verständlich, dass viele Angehörige der Mittelschicht wieder einen Ludwig Ehrhardt und seine soziale Marktwirtschaft herbeisehnen.

Schnell verjage ich die schlimmen Gedanken. Kunstwerke sind hinterhältig, man sollte die Auslegung den Profis überlassen, wegschließen, damit nicht solche Kunstunsachverständige wie ich auf falsche Gedanken kommen.

Noch wild mit meiner Frau über das Kunstwerk diskutierend, erreichten wir unsere Pizzeria, ließen uns das Bier und das leckere Essen munden, beobachteten die Passanten und ließen einen ereignisreichen Tag ausklingen.

Das Kofferpacken am nächsten Morgen ging Ilona schnell von der Hand.

Der Zug war wieder einige Minuten verspätet, die Plätze besetzt. Nun zeigte sich, dass es gut war, die Sitzplätze zu reservieren. Wir konnten Platz nehmen, andere Mitreisenden durften dafür den Platz räumen.

Der IC 2356, ein schon modernerer Zug, kam von Binz. Unsere Plätze befanden sich im Triebwagen. Dies änderte aber wenig an der Tatsache, dass auch hier die Durchsagen recht unverständlich ankamen. Die Temperatur im Waggon wurde immer heißer, sodass ein Mitreisender den Zugbegleiter bat, die Klimaanlage zu kontrollieren. Dessen Antwort war kurz: "Der Wagen hat keine Klimaanlage, dafür können sie die Fenster öffnen.“ Sprachs und ging weiter. Es ist ein „Genuß“ zu sehen, wie einfach sich die Probleme der Reisenden lösen lassen.

Mein erster Gedanke – Servicewüste Deutschland. Als zweiter Gedanke befiel mich die Empörung darüber, dass man als Fahrgast Platzreservierungsgebühr bezahlen muss, um in den vielleicht einzigen Wagen des Zuges ohne Klimaanlage zu sitzen. Andererseits vielleicht auch als Bevorzugung von der DB gedacht, da hier der Ausfall der Klimaanlage, wie dies im Sommer nicht selten vorkommen soll, besser zu überstehen ist.

Beim Anblick der Bahnhöfe an der Strecke fällt mir auf, dass hier meist die Worte „Verfall“ und „Versinken in die Bedeutungslosigkeit“ angebracht sind. Ein nicht zu übersehender Kontrast zu den Prachtbauten aus Stahl und Glas  der DB in Berlin.

Es ist traurig, wenn man sieht, wie mit der Vernachlässigung der Bahnhöfe und das "Kappen" von Zugverbindungen das Lebensniveu der in den Dörfern und Kleinstädten wohnenden Menschen gesenkt wird. Nicht nur das, auch geht die Infrastruktur verloren und Unternehmensansiedlungen verlieren ihren Sinn. Das geflügelte Wort von den „blühenden Landschaften“ hat bei der DB seine eigene Bedeutung – meterhohe Unkräuter auf den Bahnhöfen. Die Bewohner in der Provinz passen nicht in das Konzept der DB, versprechen keinen Profit.

Dagegen sitzen die dafür verantwortlichen Bahnmanager im protzigen Glasturm in Berlin, lassen die Forderungen der Kommunalpolitiker ins Leere laufen. Für diese Menschen gibt es keine Lobbyisten im Bundestag, die Einfluss nehmen könnten und wollten.

Die Fahrt verlief angenehm. Bei den Ankunftszeiten erhöhten sich die Verspätungen und die Fahrgäste schauten immer besorgter auf ihre Uhren. Uns störte dies noch nicht. Wir genossen die Aussicht auf das liebliche Saaletal mit seinen Burgen und den bewaldeten Hängen. Hoch oben kam die Ausflugs- gaststätte Himmelreich in Sicht, deren Biergarten aus eigener Erfahrung den Besuchern einen imposanten Blick auf das Panorama des Saaletals bietet.

Doch schnell verließen wir die Gegend, die auch als Weinbaugebiet einen Namen hat. Mit erheblicher Verspätung erreichten wir Erfurt. Hier zahlte sich der Sitzplatz im Triebagen aus, denn der Übergang vom Gleis 9 zum Gleis 7, wo die Erfurter Bahn uns erwartete, war kurz. Im Zug, schon gut gefüllt, gab es nur wenige freie Sitzplätze. Unser Glück, das ein in ein englisches Buch vertiefter Student, mit seinem Gepäck zwei Sitzbänke belegt hatte. Nach Anfrage und erstaunten Blick auf den dreist Fragenden, räumte er sein Gepäck ab und wir konnten sitzend die kurze Strecke nach Marlieshausen zum wartenden SEV-Bus zurücklegen. 

Eine erlebnisreiche Fahrt in die Bundeshauptstadt neigte sich dem Ende zu. Der Ilmenauer Bahnhof und unser wartendes Auto empfingen uns. Die Stadt hat das Bahn- hofsgebäude einer Verschönerungskur unter- zogen. Ein attraktives Gebäude entstand, Unternehmen fanden gute Arbeitsbedingun- gen.  Auch hier kümmerte der verwahrloste Anblick die DB wenig, den die Besucher der Universitätsstadt bei ihrer Ankunft erhielten. Jeder kennt den Spruch „Der erste Eindruck...“, nur die Verantwortlichen der DB können damit leider nichts anfangen. Vielleicht will die DB den Kontrast zwischen Anstrengungen der Kommune zur Schaffung eines ansprechenden Ambientes und der Verwahrlosung auf dem DB-Gelände deutlich werden lassen? 

Wenigstens die Überdachung des ehemaligen Eingangs zur Unterführung sollte die DB in Ordnung bringen können.

Unser Resuemè: Auch eine Bahnreise kann eine Alternative sein und sogar kostengünstiger mit einem gewissen Erholungseffekt für den Fahrer. Die Entscheidung fällt noch leichter, wenn man am Zielort sowieso kaum das Auto bewegen kann, sondern besser mit den Nahverkehrsmitteln an sein Ziel kommt.

 

 

© Gerd Pechstein, www.pechsteins-buecher.jimdo.com