11 Tage alles für die Katz unsere Zeit mit Sissi

 

von Gerd Pechstein


Vor Kurzem erhielten wir das Angebot von Katja und Michael, als Butler von „Prinzessin Sissi von Stadtilm“ Dienst zu tun. Eine vertrauensvolle Aufgabe und quasi eine Auszeichnung, wie man uns wissen lässt.

Sissi eine recht stattliche, dick sagt man nicht zu Damen, 12-jährige Katzendame, aufgrund ihrer Eskapaden vielleicht auch eine alte Jungfer, ist nicht immer pflegeleicht. Dies deshalb, weil sie macht was sie will, auch das, was sie nicht soll, Letzteres jedoch am liebsten.

Sissi ist eine schwarz-weiße Hauskatze, die eine zeitlang mit dem leider viel zu früh verstorbenen pechschwarzen Kater Moritz liiert war. Um Nachwuchs- problemen aus dem Weg zu gehen, wurden beide kastriert. Zwar fehlte nun etwas Schönes im Katzenalltag, man lebte aber nun im 5* - Katzen-Paradies und die Pflegeeltern konnten ruhiger ihrer Arbeit nachgehen.

Sissi kam, wie auch Moritz, ein Obdachloser süßer schwarzer  Katerjunge, der zunächst aus Mitleid Futter, später Familienanschluss erhielt, ins Haus. Sissi, ein kleines niedliches Katzenmädchen im Alter von wenigen Wochen, eroberte das Herz der zukünftigen Pflegeeltern bei einem Besuch in Stadtilm; die Zukunft des Katzenmädchens ohne Namen konnte nicht als rosig bezeichnet werden. Es musste für sie die Entscheidung zwischen ungewissem Zuhause und Paradies auf Erden fallen. Letzteres fand sich mit Katja und Michael, die sich des kleinen Katzenmädchens annahmen, Sissi tauften und so nahm nach wenigen Wochen sie in Hessen ihren Wohnsitz.

Gedankt hat es das Land Hessen nicht. Obwohl Sissis Alter nach Tabelle etwa 65 Menschenjahren entspricht, hat sie kein Wahlrecht und nur einen Impfausweis. Trotzdem ist sie mit Leib und Seele Hessin – sie miaut meint man - schon hessisch, denn wir verstanden nicht, was sie meint.

Zurück zu uns. Wir sagten zu Sissi zu betreuen, denn dies bedeutete eine Herausforderung, schon wegen meiner Tierhaarallergie, aber auch aus Tierliebe. Kannte Ilona es doch aus der Kindheit auch nicht anders - eine Katze gehörte früher im Dorf ins Haus - jedoch mit unbeschränktem Ausgang.

Sissi begrüßte uns gewohnt liebevoll, streifte mit erhobenem Schwanz um unsere Beine, schnurrte, ließ mehrere miau verlauten und verzog sich auf die oberste Sitzgelegenheit des Katzenbaumes. Sie musste die neue Situation erst einmal überschlafen, vielleicht sich auch erst einmal einen Überblick über die neue Situa- tion verschaffen. Und das geht am besten von oben.

Inzwischen erhielt Ilona von Katja ihre Einweisung, was im Umgang mit Sissi zu beachten ist. Wie gesagt - die Katzendame ist schon in reiferen Jahren und kämpft mit einigen gesundheitlichen Problemen. Wie bei den Menschen sollen auch bei den Katzen Tabletten, wenn auch zuvor mit dem Mörser pulverisiert, helfen. Dazu „Omega 3-Nahrungsergänzungsmittel“, alles in Milch dargeboten. Letzteres soll der Katzendame zu einem glänzenden Fell verhelfen. Serviert auf einem Tellerchen mit "Deckchen" - alles standesgemäß. Die Leckerli nahm sie aufrecht entgegen.

Der Tagesablauf sollte auch unverändert bleiben; ist es für Sissi doch schon eine Umstellung mit uns 11 Tage auskommen zu müssen. Alles lief wie „geschmiert“. Wir wurden öfter beschnuppert, ansonsten den größten Teil des Tages ignoriert, da Sissi viel schlief. Sonst konnte sie, während die Pflegeeltern auf Arbeit waren, ungestört im Hause tun und lassen, was sie wollte. Und das tat sie auch ausgie- big, wie wir feststellen konnten. Auch Spielen gehörte dazu.

Meist ignorierte uns Sissi und das war gut so, denn bewegte sie sich, fiel ihr oft nichts „Gescheites“ ein. Entweder miaute sie und flehte mit bettelndem unschuldigem Blick um Zusatzleckerli oder setzte sich auf die Tische. Beides sollte nicht sein – erstes durfte nicht sein, da Sissi bereits mit Übergewicht kämpft und das Zweite stand an erster Stelle auf der Verbotsliste. Letzteres tat sie deshalb besonders gern, was auch eine menschliche Eigenart ist. Da Sissi oft allein ist, irgendwann muss ja auch für Katzenspeise und medizinische Betreuung Geld verdient werden, wählte sie in dieser „Freizeit“ die Tische als bevorzugte Sitzgelegenheit. Dieses Recht verteidigt sie bestimmt zeit ihres Lebens, auch wenn die Mitbewohner zu Hause sind. Das mussten wir erfahren, als wir zum Abendbrot am Küchentisch Platz nahmen und Sissi sich sofort auf dem Tisch - Wandseite, wo wir Zeitungen für die Urlauber aufbewahrten, gemütlich hinlegte. Kein Reden und Schimpfen half und als Ilona sie herunterheben wollte, fauchte sie wie ein Tiger, zeigte ihre Zähne, langte mit der Pfote und ausgefahrenen Krallen nach Ilona. Die Augen funkelten, die Haare sträubten sich - wir waren gut beraten, sie gewähren zu lassen. Sissi war zum Kampf um ihre Hausrechte bereit. Ilona löste nach einer Weile Agressionsabbau bei Sissi das Problem so, wie man es nicht tun sollte – mit einem Ministück Wurst, dass Sissi sofort ohne Murren vom Tisch lockte. Wir drei gewöhnten uns schnell aneinander, Bezugsperson natürlich Ilona, ich nur geduldet. Die ersten Tage unseres Daseins für die Katz verliefen also zufriedenstellend.

Eines Tages, als wir vom Einkaufen kamen, stellten wir fest, dass Sissi an den Rosenblättern herumgeknabbert hat und die Rosen neben die Vase gelegt hatte. Sah nicht so dekorativ wie vorher aus, aber Katzen haben nun mal einen anderen Geschmack. Eine Variante kann sein - Sissi ist  eine verkappte Vegetarierin.
Sissi kann man nicht als Frühaufsteherin bezeichnen, nein, sie nahm Rücksicht auf die etwa gleichaltrigen Pflegepersonen. Erst gegen 7.30 Uhr miaute sie, kratzte manchmal an der Tür und erinnerte so an das Frühstück. Ilona brauchte anfangs fast eine halbe Stunde mit all den Vorbereitungen, was sich mit der Zeit verkürzte. Sissi schleckerte den Milch/Medikamenten-Coktail mit Genuss, abwechsend etwas Futter knabbernd sowie mit einem Schluck Wasser nachspülend. Zwischendurch gönnte sie sich eine Verdauungspause und den Gang aufs Katzenklo. Der morgendliche Ablauf wiederholte sich täglich fast minutiös.
Ein Gebot musste jedoch eingehalten werden: Alles was nach interessanter Nahrung roch, musste in die Schränke. Jede Unachtsamkeit strafte Sissi auf ihren Entdeckungstouren mit der intensiven Untersuchung, und wenn es schmackhaft war, verschwand schon mal ein Bissen im Katzenmagen. Dies kannten wir aus früherer Erfahrung. Wir führten die Katzendame nicht in Versuchung!

Sonst merkte man sie nicht. Trotzdem - sah man sie nicht, wurde man unruhig; begann im Haus ihren derzeitigen Ruhe- bzw. Beobachtungsplatz zu suchen. Sie wechselte oft die Plätze, doch erstaunlicherweise zieht es sie oft nach oben. Ihre Fitnes ist also noch in Ordnung. Bemerkenswert, wie sie den Katzenbaum in Sekundenbruchteilen erklimmt. 

Eines Morgens fand Ilona wieder eine tüchtige „Sauerei“ auf dem Küchentisch vor. Sissi hatte gespuckt, denn wieder versuchte sie sich als Vegetarierin und hat anscheinend am frühen Morgen die in einer Vase stehenden Pflanzenstengel, eine Art Zyperngras, angeknabbert. Sie hat etwas gefressen, was nicht zu schlucken war, sondern wie eine Borste im Hals hängenblieb. Dies wird einen Brechreiz hervorgerufen haben. Soll ja beim Menschen auch vorkommen. Nur der Mensch macht es im Allgemeinen weg, wenn er dazu in der Lage ist. Sissi ist aber eine Katze und zeigte nicht einmal Reue.
Wieder hatte Ilona zusätzliche Arbeit und schimpfte wie ein Rohrspatz. Sissi saß unschuldig daneben und beobachtete ihr Tun, d. h. die Säuberung. Die Vase wurde sofort in ein Zimmer gebracht, wo Sissi keinen Zutritt hat. Auch wir sind lernfähig. 

Sissi kam sofort, wenn etwas Neues zu entdecken gab. So das Paket, was für die Nachbarn angenommen wurde, beim Tisch decken oder wenn man das Haus betrat. Dann wurde erst einmal alles beschnuppert. Kompromisse gab es bei uns nicht, wenn sie wieder auf dem Tisch saß. Den Platz musste sie umgehend räumen, damit er gesäubert werden konnte. Hier endete die Entdeckertour, dann verschwand Sissi gekränkt und missverstanden auf dem Stuhl.

Benötigte Sissi Streicheleinheiten und wollte Schmusen strich sie um die Beine oder stupste uns an bzw. hüpfte Ilona einfach auf den Schoß, ließ sich kraulen und streicheln. Sie schnurrte und räkelte sich - fühlte sich wohl. Reichte ihr es, kam es schon vor, das sie Ilona "tatschte", dabei nicht ganz die Krallen eingezogen, also  ganz anders als ein liebes Samtpfötchen. Sie erhob sich abrupt, sprang auf den Fußboden und trottet mit Hintern und Bauch wackelnd ohne den geringsten Dank von dannen. Mancher würde sagen "typisch Katze - die ist falsch". So weit will ich nicht gehen, vielleicht ist Sissi launisch, egoistisch, spontan in ihren Entschei- dungen, eigensinnig, hatte genug vom Schmusen. Dabei fällt mir ein,  das gram- matisch gesehen "Katze" weiblich ist.  War nur so ein Gedanke, ohne jegliche Bedeutung.

Eines Tages beschäftigte ich mich mit Gartenarbeiten vor dem Haus. Ich bemerkte nicht, wie ich von Sissi beobachtet wurde. Und das aus nächster Nähe, wie sich später he-rausstellte. Von weiten hörte ich Ilona suchend „Sissi“ rufen, ahnte jedoch nichts Unangenehmes. Plötzlich tauchte Ilona neben mir am Staudenbeet auf und rief erleichtert: „Da bist Du ja.“ Ich schaute erstaunt auf, dachte ich doch, dass Ilona mich meinte. Da ich doch recht groß bin, konnte sie mich eigentlich nicht übersehen. Erst als der Satz: „Du hast doch die Tür aufgelassen“ an mein Ohr drang, blickte ich erschreckt auf. Irgendwie fühlte ich mich schuldig, Sissi schien ausgebüchst, obwohl ich eigentlich die Tür zugezogen hatte - meinte ich. Ich richtete mich auf und unweit neben mir in einer Kuhle saß mit sich zufrieden Prinzessin Sissi, blinzelte wegen der Sonne und beobachtete mich. Ich meinte sie grinste oder zumindest schien sie mich auszulachen. Sie hatte die Gunst des Augenblicks genutzt und genehmigte sich Ausgang, wollte sich im Garten umzuschauen oder vielleicht auch nur in meiner Nähe zu sein.

Ilona nahm sie sofort auf den Arm; ich erhielt noch schnell eine Strafpredigt und Sissi schnurrte. Schnell trug Ilona die doch recht schwere Katze ins Haus. Ich nahm mir vor, zukünftig noch sorgfältiger auf  geschlossene Türen zu achten. Ilo- na musste sich vom Schreck erholen und erteilte mir nochmals eindeutige Verhaltenshinweise. Wieder einmal bewahrheitete sich: „Im Leben ist der Dumme immer der Mann.“

 

Es ist schon seltsam, wie schnell wir uns an Sissi gewöhnten - und sie auch an uns. Der allergiebedingte Nießreiz wurde bei mir leider zuneh mend größer, aber noch nicht belastend – höchstens für Sissi und Ilona, die dabei erschreckten. So verging ein Tag nach dem anderen. Zu den Mahlzeiten saß natürlich Sissi mit am (nicht auf) Tisch, beobachtete jeden Biss – für uns unangenehm, andererseits hatten wir Verbot, Häppchen zu geben. Herzerweichend dieser bettelnde, traurige Blick! Wir blieben standhaft - meistens.
Auch daran gewöhnten wir uns und kamen mit der Katzendame gut aus.
Nach sochen Augenblicken des Zuschauens legte sich Sissi meist zur Ruhe, anscheinend ist das Beobachten wie andere essen doch recht anstrengend. Oder sie überfiel wieder einmal die manchen Katzen eigene Faulheit. Körperpflege mit Felllecken und Pfotenputzen folgte dem Schläfchen, denn auf Sauberkeit achtete unsere Katzendame Sissi sehr. 

Danach folgten Rundgänge im Haus, bedächtig, einer alten Dame angemessen. Und wieder ausruhen. Nur die Ruheplätze werden gewechselt.
Wir konnten feststellen, dass Sissi im Laufe des Tages alle Ruhe- und Fensterplätze nutzte, so scheinbar immer „im Bilde“ war, die Übersicht behielt. Besonders aufmerksam wurde sie, wenn die rotfüchsige oder die grauschwarze Katze der Nachbarn, sogenannte "Freilaufkatzen", über die Terrasse spazierte. Die Ohren gespitzt, den Blick auf das Objekt des Interesses (vielleicht auch der Begierde) gerichtet, saß sie minutenlang unbeweglich ohne jegliche Regung. Manchmal sträubten sich die Haare, weshalb blieb im Dunklen, obwohl es hell war.
So vergingen die Tage in Eintracht und Harmonie, wenn es auch ständig Differenzen hinsichtlich der Tischordnung gab.
Die Urlauber Katja und Michael kamen aus dem sonnigen Süden zurück; die Familienzusammenführung erfolgte – Freude auf beiden Seiten.
Unser Abschied nahte; wir mit einer Erfahrung reicher. Sissi bestimmt froh wieder den gewohnten Tagesablauf zu genießen, das Haus für sich zu besitzen. Oder vielleicht uns doch ein wenig vermissend?.
Adieu und auf Wiedersehen Sissi, wir werden bestimmt oft an die Zeit mit dir denken – bis zum nächsten Mal.

Wir ließen eine liebgewordene Freundin zurück. Überließen sie Katja und Michael, die mehr Verständnis für ihr Verhalten und Eigenheiten haben. Sie haben über 12 Jahre  versucht, Sissi zu erziehen.

Sissi, vielleicht sieht man sich wieder - du auf dem und wir am Tisch?!

Manches Mal und gern werden wir uns an unsere elf Tage mit der Katz erinnern, die nicht "für die Katz" - umgangssprachlich gesehen - gewesen sind.

 

 

© Gerd Pechstein, www.pechsteins-buecher.jimdo.com

 

 

Man soll es nicht glauben, aber heute erhielten wir von Sissi einen Brief.

 

Sissi schreibt:

Liebe Ilona, lieber Gerd, heute bekommt Ihr einen Gruß von  mir - Sissi aus Rockenberg.

Ich wollte mich nochmals ganz herzlich für Eure nette Zuwendung und Betreuung während des Urlaubs meiner "Dosenöffner" bedanken. Auch wenn ich nicht ganz so pflegeleicht bin, sind wir doch scheinbar recht gut miteinander ausgekommen. Danke auch, das ich jetzt endlich auch berühmt werde und

P. S. ich habe es mir gerade auf dem Esstisch gemütlich gemacht - geniale Übersicht.

Eure Sissi!