Kurze Heimkehr

 

Nach vielen Jahren, vielleicht Jahrzehnten, wollte ich eine Reise in meine Kindheit unternehmen; nur für wenige Stunden, aber intensiver als bei vorherigen Kurzbesuchen.

Seitdem Enkel Philipp unser Leben bereichert, wurde es zur Gewohnheit öfter die Fotoalben meiner und unseres Sohnes Kindheit anzuschauen. Immer wieder wird man dabei erwischt zu vergleichen. Zumindest vom Aussehen gibt es eine einheitliche Meinung: Philipp ist ein Pechstein.

Doch auch die Kindheit wurde dabei lebendig und wir traten gut vorbe-reitet die Reise an.

Nur wenige Kilometer nach der Autobahnausfahrt erreichten wir meinen Geburtsort – Borsdorf. Nicht nur bekannt durch die „Borsdorfer Äpfel“, nein, hier gab es in den Kriegsjahren eine Geburtsklinik, wo auch ich das berühmte „Licht der Welt erblickte“.

Doch das war es auch schon an Verbundenheit mit diesen Dorf, denn meine Mutter ging nach wenigen Tagen, mit mir als kleines Bündel auf dem Arm, ins Elternhaus in den Nachbarort Gerichshain. 

Trotz Krieg und Entbehrungen in der Nachkriegszeit, aber zusam-men mit den Großeltern, den Hühnern und Kaninchen, einem großen Garten und den Opa wäh-rend  seiner Arbeit in der Werk-statt oft beobachtend, erlebte ich hier wunderschöne Kindertage.  

Je näher wir dem Heimatort ka-men, desto intensiver die Erin-nerungen. Vorbei an der „Wich-se“, einer ehemaligen Wachs-tuchfabrik, kamen wir zu dem damaligen Weg nach Cunnersdorf, wo wir einen Pflaumenbaum in den Nachkriegsjahren zur Pacht hatten und abernten durften. Aber auch „Ährenlesen“ und „Kartoffelstoppeln“ auf den anliegenden Feldern ge-hörte im Spätsommer zum Alltag nicht nur unserer Familie.

Da fiel mir ein, dass meine Eltern immer wieder erzählten, dass hier an dieser Straßeneinmün-dung im Frühjahr 1946 (Foto

ist Mai 1946), ich einen Strauß Hundeblumen (Löwenzahnblü-ten) in der Hand  haltend, meine Mutter plötzlich immer schneller ging, einen für mich fremden Mann entgegen lief, umarmte und herzlich begrüßte. Dann wur-de ich, damals etwas über drei Jahre alt, von diesem Mann auf die Arme genommen.

Es war mein Vater, der nach langem Marsch aus der Gefangenschaft nach Hause kam; er mich und ich ihm erstmalig bewusst sah.

So erging es damals vielen Kindern. Andere hatten es schwerer - sie sahen nie den Vater.

Wir erreichten den Ortseingang, für mich kaum erkennbar, denn ein großes Industriegebiet hatte sich hier ausgebreitet. Danach wieder Be-kanntes, die alte Brandiser Straße. Rechts und links der Hauptstraße meist die alten, meist renovierten Häuser; das Haus, wo früher der „Tante Emma-Laden“ gewesen sein musste. Hier holten wir mit der Milchkanne die Milch, kauften auf Lebensmittelkarten ein. Noch immer in guter Erinnerung, dass die Butter von der Verkäuferin von einem gro-ßen „Block“ abgeschnitten, gewogen und in Papier eingepackt wurde. Aber auch, dass auf dem Verkaufstisch ein großes Glas mit Deckel und Bonbons stand. Nicht immer jedes Einzelne eingewickelt, trotzdem konn-ten diese vom raren Taschengeld einzeln gekauft werden.

Die alte Tankstelle und der gegenüber liegende Feuerlöschteich sind ver-schwunden; doch bald etwas Bekanntes, dass die Jahrzehnte überstand – die Gaststätte “Zur Kastanie“ und der Platz neben „meiner“ Schule.

Das Schulgebäude ist heute ein Kindergarten, womit dem Haus das Kin-derlachen erhalten blieb. Auch die Treppe, wo man Erinnerungsbilder von den Schulklassen aufnahm, ist noch vorhanden. Bei Klassentreffen gut geeignet sich nochmals aufzustellen. So wie meine Klasse im Jahre 1951 dort für die Nachwelt posierte.

Der kleine Parkplatz präsentierte sich bei unserer Ankunft eingeengt; doch wir hatten Platz gefunden. 

Ein Arbeiter hob in unmittelbarer Nähe einen Graben aus, scheinbar um das schnelle Internet ins Dorf zu bringen.

Der Schulplatz eine Quelle voller Erinnerungen. Hier erhielt ich wegen Ballspielens mit einem an-deren Jungen einen Eintrag ins Klassenbuch: Der Staat hatte Staatstrauer zum Tod von „Väter-chen Stalin“ verordnet.

Wenige Wochen später kam mein letzter  Schultag – meine Eltern hatten den LKW mit Möbeln und Hausrat bepackt und am ge-schichtsträchtigen 17.Juni 1953 startete der Umzug nach Sanger-hausen. Mit Hindernissen, denn verschiedene Kontrollpunkte und Panzersperren verzögerten die Fahrt.

Der Weg führte uns langsam hinauf  zur Kirche, dem Ort meiner Taufe, den Trauerfeiern meiner Großeltern und anderer Verwandte. Deren Grabstätten sind nicht mehr vorhanden, dafür sieht man noch viele be-kannte Namen früherer Dorfbewohner, vor allem der Großbauern, deren Güter oft an der Landstraße lagen oder Namen aus der Nachbarschaft. 

© Gerd Pechstein, www.pechsteins-buecher.jimdo.com

Plötzlich der Grabstein eines Mitschülers. Man verharrt still; denkt, jetzt ist deine Generation an der Reihe. Es wird einem schlagartig bewusst – das Leben ist endlich.

Ich nahm mir vor, intensiver an unserer Familienchronik zu arbeiten. Soll doch unser Philipp wissen, wer seine Familie war, was die Vorgän-gergenerationen geleistet haben, welches Glück und Leid sie erlebten.

Wir verließen den Friedhof am oberen Ausgang. Die Tür klemmte, eine Frau öffnete von außen; verhinderte so einen Umweg. Wir liefen Rich-tung Sportplatz, hin zur „Nudel“,  einem Teich an den ehemaligen Ge-meindehäusern. Die große Trauerweide im Hintergrund hat die Jahr-zehnte überstanden, nach wie vor dominant, doch der Teich präsentierte sich als unansehnliche wüste Schilffläche. Schade, dass hier alles ver-kommt. Früher ein Schmuckstück für Gerichshain. Man ließ sich hier zu Jubiläen fotografieren.

Nichts erinnert daran, dass wir Kinder hier im Winter auf dem Eis rutschten, Schlittschuhlaufen lernten oder mit dem „Eisrößchen“, einem Brett mit zwei  geschmiedeten Bauklammern darunter, mit Stöcken, die unten einen Nagel zum Abstoßen enthielten, über das Eis fegten, Wett-rennen veranstalteten. Mancher brach in den oft zu dünnen Eis ein; ern-tete zu Hause Vorwürfe anstatt Mitleid und zog sich eine Erkältung zu. 

Vorbei am Haus der früheren Bäckerei Hauck und am Sport-platz, wo schon mein Vater vor über 80 Jahren in der Fußball-mannschaft TSV Gerichshain im Tor stand und meine Mutter beim Sportfest kennenlernte.

In einem Hausgarten pflegte eine Frau im rotem Anorak die Blu-menkübel. Manche Pflanze hatte bestimmt durch den frühen Nachtfrost Schaden genommen und brauchte Pflege für’s Win-terquartier. Vielleicht eine ehe-malige Mitschülerin, doch zu weit, um es genau zu erkennen. Ich war jedoch zu scheu, um zu klingeln oder mich bemerkbar zu machen.

Wir spazierten weiter Richtung der ehemaligen Gaststätte Zörner, aber auch hier kein Teich, dafür ein Blumengeschäft und an der Straße eine Fleischerei, die, wie meine Cousine aus dem Nachbarort erzählte, be-kannt für die gute Wurst ist. Hier gönnten wir uns einen leckeren Imbiss, denn der Hunger meldete sich.

Die Zeit verrann schnell. Vorbei an der ehemaligen Schmiede an der „Brandiser Kreuzung“, wo ich oft mit anderen Kindern die Arbeit des Schmiedes beobachtete. Der Gedanke daran ließ einen unangenehmen Geruch von verbrannten Horn vom Beschlagen der Pferde wach werden.

Mit dem PKW fuhren wir zum Bahnhof, vorbei an den Häusern, wo wir wohnten. Der Übergang war nicht mehr zu befahren, nur eine Unterfüh-rung für Fußgänger gab es.

Wir wendeten, parkten an der Straßenseite vor dem Haus unserer dama-ligen ersten kleinen Dachgeschosswohnung beim damaligen Bauunter-nehmer Koch und gingen Richtung Brandis. Die Gärtnerei Barth, wo mein Opa und die Tante arbeiteten, war verschwunden, dafür sind un-zählige schmucke Häuser entstanden. Die Gärtnerei Güther gegenüber hat scheinbar den Verlockungen der neuen Zeit widerstanden.

© Gerd Pechstein, www.pechsteins-buecher.jimdo.com

Ein kurzer Blick in das  ehemalige Grundstück der Großeltern,  wo ich die meiste Zeit der schönen Kinderjahre verbrachte. Wir klingelten. Es war niemand zu Hause. Das Haus erlebte viel Glück, aber auch großes Leid.

Wir gingen wieder zum Bahnhof, da fiel mir das Foto vom Umzug zum Kindertag ein. Ein letztes Mal konnte ich damals mit meinen Schul- und Spielkameraden an dem Umzug teilnehmen. Der Kindertag war immer ein Ereignis für die Dorfkinder, Spiele und Sportwettkämpfe  gehörten dazu, aber ich glaube mich zu erinnern, dass es auch manche Leckerei gab. Das war damals schon einen Bockwurst mit Brötchen. 

Ich erzählte Ilona an der Wegabzweigung nach Posthausen, wie wir am Bahndamm Kohlestücken sammelten, aber auch die bunten Zigaretten-schachteln, die die Reisenden aus den Zügen warfen. Dies waren begehr-te Sammelobjekte, auch oft Grundlage zum Eintausch von „Zigaretten-bildern“, die in Alben geklebt wurden.

Seltsam, welche Erinnerungen sich einstellen, wenn man bewusst an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Wir nahmen uns vor, nach Rückkehr zu Hause nochmals die Fotoalben meiner Eltern anzusehen.

Vieles ging mir durch den Kopf; leicht emotional aufgewühlt und nach-denklich schritten wir zum Auto.

Zunächst  schweigend, dann doch schon wieder an die nächsten Tage den-kend, wo eine intensive Stadtbesichtigung in Leipzig vorgesehen war.  

© Gerd Pechstein, www.pechsteins-buecher.jimdo.com

 

Zum Schluss einige interessante historische Fotos zu Gerichshain

 

Zum Vergrößern Bilder bitte anklicken. Nach und nach werde ich die Fotos insbesondere aus den dreißiger Jahren ergänzen.

Erste beide Bilder zeigen Fotos der Silberhochzeit meiner Großeltern an der "Nudel".

Das 3. Foto ist ein Geschenk an meine Eltern mit der Ansicht der "Nudel" mit der Gerichshainer Kirche. So schön sah dieser Teil Gerichshains noch vor etwa 30-40 Jahren aus.

Bild 1: Umzug zum Vogelschießen am Bahnhof Gerichshain (Jahr?)

Bild 2: Turnerinnen des TSV Gerichshain 1933

Bild 1: wahrscheinlich 1950 zum Kindertag

Bild 2: Aufnahme in der Schule 1951 mit Federhalter

Bild 3: Opa in seiner häuslichen Werkstatt 1937

Bild 1: Meine Mutti mit Familie Barth 1930, Besitzer der Gärtnerei

Bild 2: Naherholung, Ausflug in den Tresenwald - 1935

Bild 3: Naherholung in Lübschütz 1935

Bild 4: Lübschützer Teiche 1934

Bild 5: "Rathaus" Gerichshain 1938

Bild 6: Schlittenfahrt an der "Alten Bahn" 1935