© Gerd Pechstein,

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Wir haben eine Meise

Nach einigen Regentagen, wonach die Na-tur sich so sehnte um neue Kraft zu schöp-fen, schlug das Wetter um. Schon am sehr frühen Morgen, gegen 5 Uhr, als im Osten die Sonne ihren Lauf begann und ein sehr helles leuchtendes Morgenrot durch unser Sprossenfenster seit langem erstmalig wie-der zu sehen war, sich ein roter Ball über dem Singer Berg erhob, ahnten wir, dass ein angenehmer Tag uns erwartet.

Die dunklen Wolken zogen davon und weiße füllige Wolken, oft auch ‚Schön-wetterwolken‘ genannt, eroberten zunehmend den Himmel. Dazu immer wie-der Wolkenlücken von einem klaren und freundlichen Blau, worauf wir lange verzichten mussten, aus denen die Sonne hervor blinzelte, den Garten mit sei-ner enormen Blütenfülle in neuen aufmunternden Farben erscheinen ließ.

Die kleinen Tropfen des Morgentaus glitzerten märchenhaft auf der Wiese, aber auch an den Blattspitzen und Blütenblättern, die dadurch einen eigenar-tigen Reiz von Frische erhielten.

Tief die klare würzige Waldluft einatmend versuchte ich diese Atmosphäre in mich aufzunehmen, diese Frische meinem Körper zu geben, der mit Zwicken in den Muskeln und einer gewissen Einschränkung der Beweglichkeit der Ge-lenke kompromisslos an das fortgeschrittene Alter erinnerte. „Eigentlich wäre Gymnastik jetzt das Richtige“, dachte ich mir. Doch wieder einmal blieb der innere Schweinehund Sieger, der meinte, dazu ist auch später noch Zeit.

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Wie jeden Morgen begann der Tag mit dem Abholen der Zeitung vom Briefkasten, ver-bunden mit einem ersten Gartenrundgang. Oft blieb ich stehen, insbesondere dann, wenn sich über Nacht eine neue Blüte ge-öffnet hatte. Heute waren es verschiedene in hellem leuchtenden gelb blühende Nacht-kerzen, die erstmals in diesem Jahr einige ihrer zahlreichen, jedoch kurzlebigen Knospen öffneten.

Auch sprach ich schon mal mit der einen oder anderen Pflanze, lobte die schö-ne Farbe, die grazile Blüte, den die Sinne betörenden Duft, der von diesen aus-strömte. Ging es bei einer Pflanze nicht so recht voran, sprach ich Worte der Zuversicht, brachte schnell eine extra Ration Wasser, damit sie sich stabili-sieren konnte.

Oft kreuzte ein Frosch oder eine Erdkröte den Weg und in der bodennahen Konifere sonnte sich in den ersten Sonnenstrahlen eine Eidechse. Zwei Grashüpfer konkurrier-ten mit den emsig die Blüten besuchenden Hummeln, Bienen und anderen Insekten und hatten sich direkt auf einer Rosen- bzw. einer Sonnenhutblüte bequem ge-macht – die Tiere haben sich quasi alle zum Frühstück eingefunden.

Wir verbringen den Sommer im Gartenhaus, direkt am Wald gelegen; manch-mal ließ sich im unbewirtschafteten Nachbargrundstück auch scheues Rehwild beim Grasen sehen. Entdeckt man uns, fliehen die grazilen Tiere mit riesigen Sprüngen und unter lauten Krachen der trockenen zerbrechenden Zweige im dichten Gebüsch, um dann nach kurzer Zeit im Schutz des Waldes inne zu hal-ten, den Kopf mit gespitzten Ohren uns zuwendend.

Doch meist sieht man nur den weißen Fleck am Hinterteil und den Kopf des flüchtenden Rehes, die Ohren gespitzt und mit der Nase Witterung aufnehmend.

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Heute blieb alles ruhig, nur die Eichelhäher krächzten voller Freude, denn jetzt gab es ausreichend Süßkirschen in den Gärten. Eine Amsel sang ihr Morgenlied auf dem Dach der Hütte der Nachbarin und die Mei-sen suchten emsig nach Insekten. In Nähe des Gartenteiches suchten ein Buntspecht und ein Rotkehlchen gemeinsam nach den aus den Kiefernzapfen gefallenen Samen und andere Nahrung. Wir beobach-teten beide aus dem Fenster und sahen, wie das Rotkehlchen seltsame Bewe-gungen machte. Es sah aus, als ob es sich immer wieder vor dem Specht ver-beugte, wie ein Schauspieler auf der Bühne vor dem Publikum. Die Natur gibt doch manches Rätsel auf, wenn man sich intensiver umsieht. 

Eine Drossel beobachtete eine Mönchsgrasmücke, die mit Wonne im Vogelbad, einem umfunktionierten Blumentopfuntersetzer am kleinen Seerosenteich, planschte. Unabhängig vom Wetter, finden sich hier die unterschiedlichsten Vögel ein, meist zunächst einen Frosch vertreibend, der es sich im seichten Wasser zum Insektenfang bequem gemacht hatte.

Unweit davon, auf einem alten Baumstumpf testen zwei Weinbergschnecken, wer die schnellste ist.

In einer Mohnblüte arbeitet schon eine Biene für den Honig. Wir als Natur-liebhaber kamen wieder einmal voll auf unsere Kosten, erfreuten uns an den Geschöpfen Gottes, die sich bei uns sichtbar wohl fühlten.

Inzwischen hatten wir das Frühstück auf der Hochterrasse vorbereitet, noch ein wenig fröstelnd, wenn sich die Sonne hinter den Wolken versteckte und leichter Wind aufkam. Es war nicht störend, denn eine warme Jacke lag im-mer griffbereit in der Nähe. Die klare Luft und den Morgengesang der Vögel wollten wir nicht missen. Gerade jetzt im Mai und Juni, in der Brutzeit der fröhlichen Sänger, war der vielstimmige Gesang besonders intensiv. Einerseits eine Werbung um den Partner, andererseits bestimmt die Freude ausdrückend, dass die Vogelkinder sich gut entwickelten, bald die Obhut der Eltern nicht mehr benötigen und ihr eigenes Leben beginnen.

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Was gibt es schöneres als den Tag in der Natur so zu beginnen?

In solchen Momenten malten wir uns aus, wie schön es sein wird, wenn der Enkel Philipp mit seinen Eltern uns besuchen und dann mit Omi und Opa durch den Garten streifen wird, dabei so vieles über die Ur-sprünglichkeit und Vielfalt der Natur er-fährt.

Doch jetzt müssen wir uns mit den Kindern der heimischen Vogelwelt begnü-gen. Viele Vögel, meist Blau- und Kohlmeisen, nutzten in diesem Jahr wieder unser reichhaltiges Nistplatzangebot.

Derzeit richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf das letzte verbliebene Brutpaar im Garten, ein Kohlmeisenpärchen. Sie brüten schon das zweite Mal im Nist-kasten der Pergola, gleich neben unserer Frühstücksterrasse. So konnten wir ihr geschäftiges Treiben schon seit Wochen beobachten - unermüdlich Futter beschaffend, zuerst für den brütenden Vogel, später für die geschlüpften Jun-gen. Ist eine sehr reinliche Familie, denn nach den Füttern der Jungvögel, wird der Kot entsorgt.

Durch die immer lauter werden Rufe der Kleinen, richtige kleine ‚Nimmersatt‘, nahmen wir teil an deren Entwicklung. Sahen aber auch wie fleißig die Eltern Insekten, vor allem kleine hellgrüne Würmchen, dem Nachwuchs als Futter brachten. Sie sind unsere fleißigen Helfer bei der Bekämpfung von Ungeziefer, die dafür das ganze Jahr unsere Unterstützung erhalten.

Seit Tagen wurden die Rufe der Kleinen aus dem Nistkasten immer lauter und man sah schon ab und zu manch neugieriges kleines ‚Meislein‘ am Einflugloch, den Schnabel weit aufgerissen und rufend, die Nahrung erwar- tend. Für uns ein untrügliches Anzeichen, dass der Ausflug der Kleinen in die schöne, doch auch gefährliche Welt bald bevorstand.

Unruhig beobachtete ich in letzter Zeit deshalb immer neugierig die Veränderun-gen im Nistkasten, um das Ereignis des 'Ausfluges' nicht zu verpassen.

Schon vor zwei Wochen erhielten wir wäh-rend des Frühstücks unverhofft Besuch von einer kleinen Mönchsgrasmücke, die plötzlich etwa einen Meter vom Frühstücks-tisch in den Ranken und Blüten der violet-ten Clematis, an unserem Maskottchen, einem tönernen ‚Kürbisknaben‘, und einem Korb Platz zum Verschnaufen fand.

Der erste Ausflug war bestimmt zu anstrengend; die Orientierung schien dem Kleinen im Eifer ein wenig verloren gegangen, da es die Mutter oder den Vater aus den Augen verloren hatte. Vielleicht der Weg auch zu weit, um an einen anderen Ort zu rasten, wo die Eltern aufgeregt riefen. Schüchtern, mit ängst-lichen Augen, das Gefieder aufplusternd, saß es nun vor uns, mit seinem klei-nen schwarzen Köpfchen und wachen Augen uns fixierend, auf jede Bewegung achtend. Lange beobachteten wir uns gegenseitig, bedacht, keine den kleinen weitgehend grau gefiederten Gast irritierende Bewegung zu machen.

Die Mutter und der Vater brachten, da sich die kleine Mönchsgrasmücke nicht von seinem Platz in den Clematis-Ranken ent-fernte, dem Ausreißer regelmäßig kleine Würmchen.

So verbrachten wir einige Zeit miteinander, sahen interessiert zu, wie der Kleine seine Nahrung erhielt. Immer wieder neigte er das Köpfchen nach links und dann nach rechts, uns nicht aus den Augen lassend. Aufgeregt riefen die Mönchsgras-mücken-Eltern das Kleine, forderten es auf ihnen zu folgen.

Doch erst nach einer unbedachten Bewegung von uns flog die kleine Mönchs-grasmücke davon und ließ sich im wenige Meter entfernten dunkelroten Pe-rückenstrauch, der viel Schutz bot, nieder. Hier verweilte er längere Zeit, war er doch nicht allein, denn ein Geschwisterchen, das scheinbar schon im Busch sich versteckt hatte, leistete Gesellschaft, und beide ließen sich das Futter bringen.

Für mich sind diese Naturbeobachtungen immer wieder interessant. Ich erin-nere mich dabei an die Spaziergänge und Gespräche mit meinem Opa, der mir die Liebe zur Natur mit auf den Weg ins Leben gab. Und so werde ich es auch mit Philipp machen, bestimmt ist er auch so neugierig, wie ich es als Kind ge-wesen bin. Wie freuen wir uns schon auf diese schöne Zeit, wenn Philipp be-ginnt die Welt zu entdecken.

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Doch zurück zu unseren Kohlmeisen. Wir warteten nun auf den Tag, an dem die klei-nen Kohlmeisen das schützende warme Nest verlassen, um ‚die Welt‘ zu erobern.

Es war die Zeit, da ein Beet voller farbiger Mohnblüten nicht nur die Hummeln anzog, sondern auch unsere Blicke.

Faszinierend zu beobachten, wie sich früh die Blüten öffneten und mittags schon die ersten Blütenblätter zu Boden segelten, den Blick auf die Mohnkapsel, den Samenbehälter für neue Pflanzen im nächsten Jahr, frei gaben. In diesen we-nigen Stunden musste die Blüte viele Besucher – Hummeln, Bienen, Fliegen und andere Insekten – mit Nahrung versorgen.

Die Hummeln mit dem Blütenstaub am Hinterteil, sahen aus, als ob sie ‚Plu-derhosen‘ wie der kleine Muck, an hatten. Alle freuten sich über diesen wun-derschönen Morgen und Tag.

Heute war es wie jeden Tag, fleißig schleppten die Meiseneltern Nahrung he-ran und ein fröhliches oder besser hungriges lautes Gepiepe ertönte aus dem Nistkasten.

Plötzlich drang ein lautes Zwitschern und Pfeifen, typische Rufe der Kohlmeisen, an unser Ohr, aber auch ein aufgeregtes Piep- sen war zu vernehmen. Auf dem nahen Ast des Perückenstrauches sahen wir ein klei-nes gelbes ‚Federbällchen‘ mit schwarzem Köpfchen, gelben und schwarzen Federn.

Sofort ergriff ich die Kamera, wollte diesen wichtigen Moment im zukünftigen Leben der kleinen Kohlmeise festhalten. Das Kleine saß ängstlich auf dem dünnen gebogenen Ast, überrascht von der Weite der neuen Welt, heller und windiger als im warmen aber doch inzwi-schen enger gewordenen Nistkasten.

Solche vorwitzigen, neugierigen Vögel sind Nestflüchter im wahrsten Sinne des Wortes, wenn auch nicht wissenschaftlich gesehen. Doch einer vom Nachwuchs im Nest muss ja immer den Anfang machen.

Da saß es nun auf seinem Zweiglein, versorgt durch die fleißigen Meiseneltern, die den kleinen Ausreißer und die im Nest verbliebenen Jungen fütterten. Seinen ersten Ausflug in die Welt hat sich unsere kleine Meise bestimmt nicht so aufregend vorgestellt, denn normalerweise geschieht dies ohne belästigende Kamera, die durch die Sonnenstrahlen auch noch die Augen blendet, und ei-nem Menschen wie mich. Auch neugierig. 

Wir sahen uns lange an, jeder sich seine ei- genen Gedanken machend. Plötzlich wurde die kleine Meise mutig und flog zur Pergola mit der lilasamtenen Clematis, wo sie nun ihren neuen Futterplatz in Nähe der im Nistkasten befindlichen Geschwister ein-nahm. Diese wurden auch immer mobiler, abwechselnd schauten sie zum Flugloch he-raus, aber die Geschwister gehörten doch mehr zu denjenigen, die man ‚Trau-mi-net‘ nennt.

Die Meiseneltern versorgten alle Kinder gleichermaßen; lockten den Ausreißer zunächst in den wenige Meter entfernten Wallnussbaum und dann über eine nahestehende Tanne in den angrenzenden Wald, wo wir die kleine Meise aus den Augen verloren.

Am lauen Sommerabend ertönten noch lange die Rufe der kleinen Meisen aus dem Nistkasten, sahen wir wie die Meiseneltern das Futter brachten; doch am nächsten Tag hörten wir keinen Pieps mehr. Am zeitigen Morgen scheinen auch die Geschwister unserer kleinen Meise, unbeobachtet von uns den Weg in die weite Welt gegangen zu sein.

Nachmittags drang wieder ein Gepiepe und Gepfeife, wie bei den Kohlmeisen üblich, am Teich an unser Ohr. Die Meisenfamilie schien auf einem Ausflug zum Kennenlernen der Umgebung und Futtersuche. Eine aufregende Zeit für die Jungmeisen hat begonnen.

Sie müssen viel lernen, um den Gefahren, wie den umherstreifenden Katzen, Raubvö-geln und anderen Wildtieren, aus dem Weg zu gehen. Auch wenn manches hübsche Kätzchen das Fangen als Spiel betreibt, muss jeder Vogel wachsam sein, insbeson-dere die Jungvögel wie unsere Meisen. Die Meiseneltern zeigen dies ihnen, aber auch, wo es ausreichend und leckeres Futter gibt. 

Die kleinen Meisen, wie alle Jungtiere, absolvieren auch eine Schulzeit, so wie die Menschenkinder, so wie es auch unser kleiner Philipp tun wird.

Leise wünschten wir den kleinen Meisen ein glückliches Leben und dass sie viele Schädlinge aus unseren Garten als Nahrung entnehmen, aber auch Gäste zur Winterfütterung sein werden.

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